Satellitenbilder in 2025
Interview mit Dipl.-Met. Bernd Fischer

Weiter und sicherer Fliegen dank richtiger Daten zur richtigen Zeit

Am 1. Juli dieses Jahres startete „Eumetsat“, die Europäische Organisation für die Nutzung meteorologischer Satelliten, mit „MTG-S1“ den zweiten Satelliten der dritten Meteosat Generation. Der erste Satellit dieser neuen, dritten Generation „MTG-I1“ wurde im Dezember 2022 lanciert und ist seit Dezember 2024 operationell in Betrieb.

Ein Gespräch mit Diplom-Meteorologe Bernd Fischer über die Benefits von MTG für Flieger und Fliegerinnen.

Eumetsat Logo
TopMeteo Logo at plane

Mirjam Hempel: Hallo Bernd, danke dass Du Dir Zeit für unser Gespräch nimmst und vorneweg gleich eine Frage zur Praxis: Warum sind Satellitenbilder zur Planung und In-Flight-Analyse so wichtig?

Bernd Fischer: Für mich sind oder waren Satellitenbilder eigentlich immer die wichtigste Informationsquelle, die ich hatte. Wenn ich eine Planung mache, geht es darum, dass ich mit dem Ist-Zustand anfange. Bevor ich in die Prognose gehe, muss ich wissen, wie ist der Grundzustand. Satellitenbilder stecken voller Informationen. Sie zeigen zum Beispiel die Bewölkung und Art an, außerdem Fronten, wo sie liegen und wie schnell sie ziehen. Damit habe ich etwas Fassbares. Harte Fakten, nichts Fiktives, Numerisches oder Gerechnetes.
Über eine ganz einfache Extrapolation, in der ich sehe, da kommt die Front, da kommt die Bewölkung, die ist in einer Stunde auf dem Monitor einen Daumen breit gezogen, dann wird sie die nächsten zwei Stunden ungefähr zwei Daumen breit ziehen, kann ich eine kurzfristige Planung machen.
Im Bereich der Planung mache ich auch immer einen Vergleich, ob die Prognose zu dem passt, wie es tatsächlich aussieht. Passt es, dann kann ich abschätzen, ob die Prognose, die ich da habe, überhaupt belastbar ist oder schon von vornherein einen Fehler hat.

MH: Von Eumetsat, der Europäischen Organisation für die Nutzung meteorologischer Satelliten wurde vor einem Jahr der erste geostationäre Meteosat-Satellit „MTG-I1“ der dritten Generation, MTG (Meteosat Third Generation), vollständig in den operationellen Betrieb genommen. Am 1. Juli dieses Jahres startete der zweite, „MTG-S1“. TopMeteo hat die Daten von MTG jeweils sofort mit in sein System integriert.
Was macht die dritte Generation der Meteosat-Satelliten so besonders und wie funktionieren sie?

BF: Als geostationärer Satellit bewegt sich MTG mit der Erdrotation mit. Er steht relativ genau über dem Nullmeridian und auf Äquatorhöhe, also etwa auf Null Null und „guckt“ aus etwa 36.000 Kilometern Höhe immer auf denselben Bereich der Erde herunter. MTG gewährleistet dadurch eine ununterbrochene Sicht auf Europa, ganz Afrika und Teile Südamerikas.
MTG-S1 ist außerdem der erste meteorologische Sounder-Satellit, der mit zwei wichtigen Instrumenten ausgestattet ist: dem InfraRed Sounder (IRS) und dem UVN-Spektrometer Sentinel-4 des Copernicus-Programms der Europäischen Union.

Image credit: SpaceX

MH: Eumetsat-Generaldirektor Phil Evans sagt, MTG sei eines der innovativsten und komplexesten meteorologischen Satellitensystemen, die je gebaut wurden. Was ist der Unterschied zur zweiten Generation, MSG (Meteosat Second Generation)?

BF: Ganz platt könnte man sagen, im Vergleich der technischen Parameter von MTG zur vorhergehenden Generation MSG haben wir eine Verbesserung auf allen Ebenen. Folgende lassen sich dabei unterscheiden: MTG hat 16 Spektralkanäle, MSG hatte nur 12. Dadurch haben wir neue spektrale Bereiche im infraroten-, nahinfraroten- und im Wasserdampf-Bereich. So können Wolkenarten besser bestimmt werden. Es werden jetzt Aerosole, Cirren und Eis eindeutiger dargestellt.
Außerdem haben wir bei MTG einen Zugewinn sowohl bei der räumlichen Auflösung, 0,5 km im VIS/NIR- und 1 km im infraroten Bereich versus 3 km (VIS/IR) und 1 km (HRV) bei der zweiten Generation, als auch bei der zeitlichen. Dadurch erhalten wir schärfere Bilder. Im Vergleich zum Fernsehen mit SD und HD sind wir jetzt bei HD. So können wir jetzt tagsüber einzelne Kumuluswolken, die einen Durchmesser von etwa einem Kilometer haben, fast vollständig auflösen. Bei MSG, der zweiten Meteosat-Generation wurde eine leichte Kumulusbewölkung nur als Schlieren abgebildet.
Der Zugewinn bei der zeitlichen Auflösung heißt, dass jetzt alle zehn Minuten ein neues Bild kommt im Vergleich zu früher von nur jede Viertelstunde.
Ganz neu in der dritten Generation MTG ist außerdem, dass sie über einen Lightning Imager (LI) verfügt, der optisch Blitze abbildet. Durch die 14 Bit radiometrische Auflösung im Vergleich zu 10 Bit (2. Generation) hat MTG außerdem ein feineres Signal-Rausch-Verhältnis.

„Also bei 4 und 8K sind wir noch nicht, aber da kommen wir vielleicht irgendwann noch hin.“

MH: Was macht TopMeteo aus diesen Daten, wie können wir Flieger und Fliegerinnen davon profitieren?

BF: Fangen wir als erstes beim Einfachsten an, dem visuellen Bild, das jeder von uns aus den Nachrichten und dem täglichen Leben kennt. Das ist jetzt höher aufgelöst, räumlich und zeitlich. Damit können wir konvektive Bewölkung und mittelhohe Abschirmungen erkennen.
Die visuellen Bilder funktionieren natürlich nur bei Tageslicht. Dank der unterschiedlichen Spektralbereiche können wir als zweites jetzt aber auch nachts und zu den Tagesrandzeiten tiefe Bewölkung, Wellenstrukturen und hohe Abschirmungen analysieren. Das hilft, wenn man zum Beispiel als Segelflieger oder als Segelfliegerin kurz nach Sonnenaufgang Wellen fliegen will. Ich kann mir jetzt ein Bild machen, wie die Situation nachts ist. Ich kann möglicherweise Wellenstrukturen schon erkennen. Ich sehe, wo Bewölkung ist, die stören könnte.
Als drittes kombinieren wir diese Multispektral-Satellitenbilder mit dem Radarbild. Dadurch können wir Schauer, Gewitter und Fronten noch besser analysieren. Tatsächlich sind diese kombinierten Bilder für mich im letzten Jahr zu meinen Lieblingsbildern geworden.

„Dank der Multispektralbilder kann ich jetzt schon „im Dunkeln“ planen und muss nicht einfach blind „ins Dunkle schießen“.“

MH: Warum?

BF: Weil ich jetzt genau erkennen kann, wie und wo es schon regnet. Das ist zum Beispiel interessant, wenn ich eine hochkonvektive Lage im Sommer habe, mit Überentwicklungen, Schauern und Gewittern.
Früher musste ich das Wolken- und Radarbild immer im Kopf irgendwie übereinanderlegen, was etwas Übung erforderte. Jetzt ist es viel einfacher, viel intuitiver und klarer geworden. So erkenne ich zum Beispiel auf dem Sat-Radarbild. dass es da gar nicht aus der kompletten Wolke regnet, sondern nur aus einem Teil davon.
Überraschend fand ich auch, dass es unter Wolken, die auf dem Satellitenbild gar nicht so brutal aussehen, schon ziemlich stark regnen kann. Andererseits unter einem CB, der sehr markant aussieht, d. h. im Satellitenbild sehr weiß und sehr klar strukturiert ist, es gar nicht so schlimm sein muss.
Dank der hohen räumlichen und zeitlichen Auflösung der Satellitenbilder kann ich jetzt auch Inflight mit dem Sat-Radarbild mein Horizontbild erweitern und so dem Wetter angepasst meine optimale Flugroute für die nächsten 30 bis 60 Minuten planen. Normalerweise läge das hinter meinem Horizont.

"Dank MTG können wir Flieger und Fliegerinnen jetzt einen Lebenszyklus von einem Gewitter tatsächlich nachverfolgen. Vom ersten Kumulanten über den kompletten Lebenszyklus seines Wachstums bis hin zum CB und seiner Auflösung."

MH: MTG hat ja neu den „LI“, den Lightning Imager an Bord, wodurch jetzt auch Blitze gemessen werden können. Habt Ihr schon eine Karte dazu?

BF: Ja! Für die gerade anlaufende Afrika-Flugsaison ist das extrem wichtig, denn gerade dort ist der Grat zwischen geht‘s gerade noch oder ist es schon zu viel, sehr schmal. In Namibia habe ich kein Radarcoverage. Aber dank MTG können wir jetzt bei TopMeteo Satellitenbilder veröffentlichen, wo wir im zehn Minuten Rhythmus Echtzeitblitze in den Wolken sehen können. Das hat bisher noch kein anderer Flugwetterprognosen-Anbieter im Programm und ist ein echter Sicherheitszugewinn! Die Bilder sind ab sofort in unserem System.

Multispektral+lightning

“Ganz neu bei MTG ist jetzt, dass sie über einen Lightning Imager (LI) verfügt, der optisch Blitze abbildet.“

MH: Wo finde ich die neuen VIS, Multispektral-, Sat-Radar- und Blitzaktivitäts-Bilder bei TopMeteo?

BF: Wenn man eingeloggt ist, in den Hauptbereichen unter „Sat und Radar“. Außerdem auch im Hauptbereich unter „Flugplanung“. Dort kombinieren wir mehrere Informationen, sowohl aus dem Bereich der Satelliten- und Radardaten als auch von den Prognosen mit einer zugrunde liegenden Karte mit den Flugplätzen, wo man seine Flugplanung machen kann.

MH: Kannst Du uns zum Schluss noch kurz Deine Erkenntnisse nach der ersten Saison mit den Daten von MTG schildern?

BF: Ja, das ist so ein bisschen, wie schon gesagt, als würde man beim Fernsehen von SD auf HD umschalten. Ich kann Informationen sehr viel detaillierter erkennen und so vorab und inflight viel präziser planen und meine Flugstrecken optimal ans Wetter anpassen. Das heißt, das Beste aus dem Tag herausholen.

MH: Vielen Dank für das informative Gespräch, Bernd und allzeit happy landing.